Weshalb die Vögel ziehen
Die Welt umspannenden Wanderungen von Millionen von Zugvögeln gehören zu den faszinierendsten Naturwundern.
Um über Tausende von Kilometern im Nonstop-Flug das geeignete Ziel zu finden, vollbringen sie enorme Energie- und Orientierungsleistungen.
Unsere Vorfahren konnten sich das alljährliche Verschwinden und Auftauchen vieler Vogelarten kaum erklären.
So vermuteten sie etwa, dass plötzlich verschwundene Schwalben am Grund von Sümpfen überwinterten. Erst mit dem Beginn der Beringung vor rund
100 Jahren wurde ihr Zug offensichtlich.
Inzwischen wissen wir, weshalb Vögel wandern. Sie weichen ungünstigen Lebensbedingungen, wie Kälte, Hitze, Trockenheit oder Mangel an Nahrung aus,
die mit dem Wechsel der Jahreszeiten einhergehen. Viele Arten auf der Nordhalbkugel ziehen deshalb im Winter nach Süden. Und von der Südhalbkugel
fliegen einige aus gleichen Gründen nach Norden.
Mit dem Wandern erschließen sich die Vögel Lebensräume, die nur in bestimmten Jahreszeiten besiedelbar sind - dann aber zu besten Bedingungen:
mit Nahrung in Hülle und Fülle und ohne allzu viele Feinde, die die Brut stören. So einfach ist zu erklären, warum es in der arktischen Tundra
für wenige Wochen im Sommer von Vögeln wimmelt, während dort in der restlichen Zeit des Jahres allenfalls Schneehühner ausharren.
Ob ein Vogel zieht, wohin er zieht und wann bei ihm die Zugunruhe einsetzt, ist genetisch festgelegt: Sowohl die Flugrichtung als auch die
Flugdauer sind angeboren. Es gibt Vogelarten, bei denen Teilpopulationen von Norden kommend in südöstlicher Richtung um die Alpen herum fliegen
und andere Teilpopulationen in südwestlicher Richtung. Werden Individuen beider Teilpopulationen miteinander verpaart, wählen die Nachkommen
einen mittleren Weg - in einzelnen Fällen kurioserweise sogar statt nach Süden nach Norden, in Richtung der Britischen Inseln.
Über das "wie" des Wanderns sind sich die Wissenschaftler mittlerweile auch weitgehend einig: das Magnetfeld der Erde dient, neben erlernten
geografischen "Kenntnissen" und dem Stand der Sonne, als wichtigste Orientierungshilfe. Einfach ist das Vagabundenleben trotzdem nicht.
Das Wandern ist riskant und kostet Energie. Und weit wandern kostet viel davon.
Die Vögel kommen außerdem während ihres Zuges immer wieder in Gebiete, deren Bedingungen sie nicht kennen. Sie wissen vorher nicht,
wo üblicherweise ein Greifvogel oder ein Jäger lauert. Es kann auch passieren, dass der körpereigene "Treibstoff", das für den Zug angesammelte Fett,
nicht ausreicht und sie deshalb das Ziel nicht erreichen oder dort so ausgezehrt sind, dass ihnen die Kraft zum Beispiel zum Brüten fehlt.
Vogelzug ist also keine "Erholungsreise". Doch für viele Arten überwiegen offensichtlich die Vorteile gegenüber dem Bleiben.
Selbst in unseren Breiten sind viele Vogelarten zugleich Zugvögel. Auch bei so genannten Standvögeln sind die Individuen im Winter mitunter
nicht die gleichen wie im Sommer. Oder es wandert zumindest ein Teil der Population.
Fast alle Vogelarten der Arktis und der nördlichen Halbkugel sind Zugvögel. Weiter südlich, je wärmer und milder das Klima wird, desto weniger
Arten ziehen.
Die Bachstelze z.B. ist ein Teilzieher. Die schottischen Bachstelzen im Norden der Insel fliegen im Winter bis nach Spanien, während die
südenglischen Populationen in ihren Brutgebieten bleiben. Die meisten Insektenfresser aus unseren Breiten, wie Schwalben und Grasmücken, ziehen
im Herbst. Einige bleiben, wie z.B. die Meisen, und leben im Winter von Samenkörnern. Von den über 360 Vogelarten Westsibiriens sind 302 Zugvögel.
In den gemäßigten Zonen ist der Zugvogelanteil wesentlich niedriger. Hier hat sich häufig ein ausgeprägtes Wanderverhalten vieler Arten entwickelt.
Offensichtlich ist entscheidend für solche Verhaltensweisen, dass die Vögel ihre große Mobilität nutzen, um die für die Arterhaltung besten
Bedingungen in unterschiedlichen oft weit auseinander liegenden Lebensräumen zu nutzen. Es lohnt sich für die Bläßgänse in der Einsamkeit der
sibirischen Tundra ihre Jungen aufzuziehen, dann dem nordischen Winter auszuweichen und ihn auf den saftigen Wiesen bei uns oder weiter südlich
zu verbringen.


